Im Zeichen des schwindenden Eises – von Pontresina zur Tschierva-Hütte (2583 m)

Es gibt eine Schönheit, die verzaubert – und eine, die nachdenklich stimmt. Die Wanderung von Pontresina zur Tschierva-Hütte im Engadin ist eine Begegnung mit beidem. Ein Weg, eingebettet in die alpine Natur, zugleich aber auch eine stille Reise entlang der Spuren eines unaufhaltsamen Wandels: des Rückzugs der Gletscher.

Wegbeschreibung

Der Aufbruch erfolgt in Pontresina, durch lichte Lärchenwälder, begleitet vom Duft des Harzes in der klaren Morgenluft. Der Pfad folgt dem weiten, sanften Val Roseg, getragen vom stetigen Klang des Wassers und der ehrfürchtigen Stille der Berge. Sonnenstrahlen brechen durch das Geäst, Murmeltiere huschen über die Wiesen, und am Horizont beginnen die ersten vergletscherten Gipfel aufzuragen.

Nach etwa einer Stunde erreicht man das Hotel Roseg Gletscher. Von hier an steigt der Weg steiler an, löst sich vom Talgrund und führt hinein ins felsige Zentrum des Hochtals. Er windet sich über Felsbänder, Hochweiden und Moränen, bis sich plötzlich die Wucht des Gletschers offenbart.

Einst reichte er weit ins Tal hinab; heute liegt er zurückgezogen, sichtbar, doch fern – fast schüchtern. Unübersehbar sind die Narben seines Rückzugs: blankgeschliffene Felswände, Schutthalden und ein Landschaftsbild, das eine andere Geschichte erzählt als die Postkarten vergangener Zeiten.

Der letzte Anstieg, über Kehren und Geröll, führt schließlich zur Tschierva-Hütte auf 2583 Metern. Sie thront über einem grandiosen Naturtheater: dem Piz Bernina, dem Roseg und der Biancograt, die sich wie eine unwirkliche Linie in den Himmel zeichnet. Darunter hält sich noch das Eis – doch jedes Jahr weicht es ein Stück weiter zurück.

Oben angekommen, wird der Atem ruhig. Schönheit ist da, ja, doch auch ein Schleier von Melancholie. Diese Wanderung ist nicht nur ein Weg durch spektakuläre Panoramen – sie ist auch ein Gehen hinein in eine Wahrheit, die sich nicht verdrängen lässt. Der Gletscher zieht sich zurück, doch seine Botschaft ist uns näher denn je.

Charakter der Tour

Die Wanderung ist lang, jedoch technisch nicht schwierig. Sie verlangt Ausdauer und Trittsicherheit, belohnt aber mit großartigen Eindrücken – einer Mischung aus alpiner Stille und eindringlicher Botschaft der Landschaft.

Informationen auf einen Blick

  • Start: Pontresina (1805 m)
  • Ziel: Tschierva-Hütte (2583 m)
  • Distanz: 11,5 km (23 km hin und zurück)
  • Höhenunterschied: 780 m
  • Gehzeit: ca. 3 h 30 min (hin); insgesamt 6–7 h
  • Schwierigkeit: T2 (anspruchsvoll wegen der Länge)

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2 risposte

  1. Sehr stimmungsvoll beschrieben – man spürt die Ruhe der Natur, die Schönheit der Berge und zugleich die leise Melancholie über das Verschwinden des Eises. Eine Wanderung, die mehr erzählt als nur vom Weg selbst. Bravo 👍

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